(Hamburg, 17. Mai 2006) PANORAMA hat sich mal wieder ausgetobt. Ziel der Kampagne: Die Gewerkschaften und ihre Mitglieder. In der Sendung vom 11.5.2006 ging es um den Streik in den Ländern, der trotz des geringen gewerkschaftlichen Organisationsgrades in den Behörden und Einrichtungen selbstlos und ausdauernd von unseren ver.di -Kolleginnen und Kollegen geführt wird.
PANORAMA:
In der Abmoderation sagte Frau Anja Reschke „Natürlich wollten wir vom Oberstreiker, Frank Bsirske, dem ver.di-Chef, wissen, wie es denn so ist mit einem Streik, der keinen stört, aber Herr Bsirske hatte leider keine Zeit für uns. Musste wahrscheinlich die letzten Streikenden motivieren.“
In dieser Diktion war der Beitrag insgesamt gehalten, frei nach BILD und den Stammtischen der Managerklasse.
Er wird verantwortet von Redakteuren, die ein ungleich höheres, tariflich abgesichertes Gehalt (u.a. finanziert aus den Rundfunkgebühren der Streikenden) als ein durchschnittlich verdienender Kollege im ÖD erhält. Wir schämen uns als ver.di – Kolleginnen und Kolleginnen im NDR, dass so ein Beitrag bei uns im Fernsehen überhaupt möglich ist und entschuldigen uns stellvertretend für viele NDR-Mitarbeiter, die ebenfalls kein Verständnis aufbringen können.
Das einstige journalistische Vorbild-Magazin hat bis heute nicht begriffen, dass der generelle Kampf gegen die Gewerkschaften in unserem Land in Wirklichkeit der Kampf gegen jeden einzelnen Beschäftigten, auch in den eigenen Redaktionen, ist. Es geht darum, und zwar überall, alle noch erträglichen Tarifvorteile abzuschaffen und die Beschäftigten wehrlos zu machen.
Reaktionen:
Wolfgang Denia, Ver.di Vorsitzender in Niedersachsen und Bremen, NDR-Rundfunkratsmitglied schrieb:
Betreff: Panorama vom 11.5.06
Die streikenden Kolleginnen und Kollegen haben mit ihrer Kritik (s.u.) vollkommen Recht. Das war journalistisch grottenschlecht! Die meisten Volontäre hätten es sicher besser gemacht. Billigste Kampflinie nach der Manier armseligster Privatsender. Eine Recherche bei meiner
Pressestelle im Sinne einer objektiven Berichterstattung hätte Ihnen sicherlich weiter geholfen - war aber wahrscheinlich ausdrücklich nicht gewollt.
Fairness und Moral gegenüber denjenigen, die sich 15 % Einkommenskürzung als Straßenwärter oder Krankenschwestern schlicht im wahrsten Sinne des Wortes nicht leisten können und sich deshalb dagegen seit 13 Wochen mit ihrem Arbeitskampf wehren, ist ihnen
offensichtlich fremd. Kann man ja auch mit der Perspektive eines ordentlichen Redakteursgehalts beim NDR wohl nicht anders erwarten. Wissen sie eigentlich, was es bedeutet, mit 1.300 Euro (brutto) monatlich über die Runden kommen zu müssen?
Vielleicht einmal daran gedacht, dass im Falle eines "Erfolgs" von Möllring und Wulff in dieser Auseinandersetzung ihre gebührenfinanzierten Gehälter als nächstes dran sein könnten?
Panorama - künftig das Magazin für den Klassenkampf von oben??
Eine ernsthafte und selbstkritische Auseinandersetzung in dieser Reaktionen würde mich - ebenso wie eine ernsthafte Antwort -
überraschen.
Wolfgang Denia
Landesbezirkskeiter Niedersachsen-Bremen
Die streikenden Kolleginnen und Kollegen
Sehr geehrte Panorama-Redaktion,
zu Ihrer unglaublich einseitigen Berichterstattung über den ver.di-Streik bei den Ländern möchten wie Sie „beglückwünschen“.
Sicherlich ist es so, dass bei einem so langem Arbeitskampf einzelne Streikende müde und frustriert sind, sicherlich haben betroffene Beschäftigte und Betriebe zwischenzeitlich wieder die Arbeit aufgenommen. Aber dieses ist nur ein Teil der Wahrheit.
Hätten Sie sich die Mühe gemacht, einmal in den von ver.di bestreikten Universitätskliniken in NRW, Bayern, Niedersachsen und im Saarland zu recherchieren oder an den Schleusen im Hamburger Hafen oder bei den Finanzstellen des Saarlandes oder beim Print-Zentrum der
niedersächsischen Oberfinanzdirektion oder oder oder..., dann hätten sie den Fernsehzuschauern andere Eindrücke übermitteln müssen.
So bleiben z.B. am heutigen Tag – unserem 39. Streiktag – an der Medizinischen Hochschule Hannover aufgrund des ver.di-Streiks 14 von 29 Operationssäle geschlossen. So viel zu ihrem Motto „ver.di streikt – und niemand merkt etwas“.
Da Ihnen diese Tatsachen bei entsprechender journalistischer Sorgfaltspflicht bekannt sein dürften, müssen wir davon ausgehen, dass diese einseitige Berichterstattung vorsätzlich geschah.
Zumindest der Beifall von Herrn Möllring und der TdL dürfte Ihnen dafür sicher sein. Eine Woche vor dem nächsten Verhandlungstermin eine solche mediale Steilvorlage zu bekommen, da können sich diese Herren bei Ihnen nur bedanken.
Das dabei allerdings ein ganzes Stück Wahrheit auf der Strecke bleibt, damit können und wollen wir uns nicht zufrieden geben! Die Glaubwürdigkeit der Medienberichterstattung steht auf dem Spiel.
Mit unfreundlichen Grüßen
Die streikenden Beschäftigten der Medizinischen Hochschule Hannover
Für die Streikleitung
Brigitte Horn, Simon Brandmaier
12.5.2006
